Mitgefühl

Je mehr die Zeit überwiegt, die ich mit „einfachen“ Menschen verbracht habe, im Unterschied zu der Zeit, die ich mich in den gebildeten, intellektuellen, philosophierenden Kreisen aufhielt, desto verzerrter erscheint mir das importierte Verständnis von „Mitgefühl“.
Die herzzereißende, hingebungsvolle, angeblich „bedingungslose“ Hinwendung zu einem anderen Menschen trieft von Sentimentalität – und ist so oft doch nur Ausdruck eigener Bedürftigkeit.
Das Mitgefühl, die „Ahimsa“, die ich in den asiatischen Ländern kennenlernte, in denen sie seit Jahrtausenden eine Tugend ist, ist still. Nüchtern. Beobachtend.
Sie ist getragen von Demut (ein Begriff aus unserem Kulturkreis) – einem tiefen „Wissen um das Nichtwissen“ und enthält sich jeden Urteils, jeden Eingreifens.

„Tatwamasi“ – ich bin wie Du – ist alles, was im mitfühlenden Geist geschieht, ein Verstehen, eine Augenhöhe im Herzen. Mehr nicht.

In unseren „spirituellen“ und „pseudo-philosophischen“ Kreisen lese ich so oft von „bedingungsloser Liebe“, von „Nicht-Urteil“ und „Liebe“.
Gleich daneben finden sich „Weisheiten“ wie „wenn ein Mensch soundso … dann halte Dich fern“, „ein wirklich liebender Mensch tut das und das (nicht)“ …
Mit den ruhigen Augen einer Frau, die seit 18 Jahren Seelenarbeiterin ist, die sehr viel gereist ist, sehr viele verschiedene Lebensumstände erfahren hat, vor allem aber als Mensch, der von Kindheit an „sehen“ konnte, was in anderen Wesen vor sich geht, sehe ich gerade da, wo so viel von Liebe und Freiheit gesprochen, wird so viel Frustration, Verbitterung, Abgrenzung und … Trennung.

„Ich bin wie Du“ – das ist für mich gleich nach „dem Tod als dem treusten Ratgeber“ und der „Einsicht in das Nicht-Wissen“ eine der kostbarsten Entdeckungen, die ich zum Menschsein in diesem Leben machen konnte.

Ich bin wie Du.
Still. Nüchtern. Beobachtend.