Vom Vertrauen in die Freude

Wir fuhren als Gruppe am Samstag spätnachmittags nach Coburg auf den zauberhaften Marktplatz. Da wir ein Experiment vorhatten, verteilten wir uns einzeln auf dem Platz.

Gerade, als ich mich von meiner Gruppe löste, kamen mir zwei aufgeregte Menschen entgegen und fragten, ob ich einen umherirrenden, verängstigten Hund gesehen hätte. Ich verneinte und sie entfernten sich, laut „Emma ! Emma !“ rufend.

Ich setzte mich auf den Sockel der Prinz-Albert Säule in der Mitte des Platzes, bereit, das Experiment zu beginnen. Doch schon nach kurzem wurde ich abgelenkt und aus der Steingasse kam ein Konvoy von ca 20 Luxusklassewagen, laut hupend, fuhr auf den Marktplatz, umrundete die Säule und blieb als geschlossener Ring dort stehen.

Die Türen öffneten sich und es stieg eine hochdekorierte Hochzeitsgesellschaft aus, keine Frau die es nicht mit Barbie in Galaschmuck hätte aufnehmen können, kein Mann, der nicht vom Fleck weg von Al Capone hätte angeheuert werden können. Und mitten darin die türkische Braut, die von ihrem Bruder in die Mitte des Rings geführt wurde.

Die Bratwurstfrau unterbrach ihre Arbeit, neugierige Coburger/innen formierten sich am Rand und auch ich hatte für einen Augenblick keine Chance mehr, mich auf das Experiment zu konzentrieren.

Eine moderat laute, leichte, türkische Feiermusik setze ein und die Männer der Gesellschaft begannen, zu tanzen. Umringt von ihren rhythmusgebenden Schönheiten. Es war ein fest und es war eindeutig eine Einladung an uns alle, mitzufeiern und mitzutanzen. In meinen Augen eine mutige und schöne Geste in diesen Zeiten…
Doch die umstehenden Coburger/innen kamen nicht in die Mitte – sie waren aber auch nicht ablehnend.
Kurz bevor ich drauf und dran war, mich hinzuzugesellen und mitzutanzen, erschien aus der Ketschengasse ein Polizeiwagen mit Blaulicht, Schritttempo.

Es war interessant zu beobachten, was dann geschah: Während das Polizeiauto mit minimaler Geschwindigkeit den Platz und auch den Convoy-Ring umrundete, breite sich Unsicherheit in der feiernden Gesellschaft aus. Der Tanz wurde zaghafter, kam dann ganz zum Erliegen, die Frauen rückten näher zusammen, manche der Männer besprachen sich.
Die Mienen besorgt, verdunkelt. Die Gesichter der Frauen wach, abgelenkt.

In mir regte sich Traurigkeit.
Hatte sich tatsächlich jemand beschwert über die Aktion ?
Oder gab es Ordnungskräfte, die eine halbe Stunde Freude in der Stadt nicht dulden konnten ?
„Tanzt weiter“ rief mein Herz.
Sie tanzten weiter, ein bisschen zaghafter als vorher. Zugleich begaben sich einige der Gäste zu ihren geschmückten, schwarzen Edelkarossen.
Das Polizeiauto verschwand ohne anzuhalten

Die Gesellschaft nahm wieder Platz in den Wägen.
Mir sprang fast das Herz – und so rannte ich zum Brautauto zum Chef-Bruder. Der sah mich an und meinte „Die Braut sitzt hinten“ – ließ das verspiegelte Fondfenster herunter und ich sah in verschlossene, traurige, bernsteinfarbene Augen: „Viel Glück Euch ! Und Dank für dieses schöne Fest !“ rief ich – und der Bernstein fing an zu funkeln, die Sonne ging auf.

Der Tross setze sich in Bewegung und verließ den Platz.

Auch wir sammelten uns und gingen zur Rosengasse hinaus. Dort kam uns das Polizeiauto wieder entgegen. Zunächst in Schrittgeschwindigkeit, doch dann schien es direkt auf uns – genauer: auf Selma (meinen Hund) und mich – zuzuhalten.
Noch bevor die Polizisten etwas sagen konnten, beugte ich mich in deren Fahrerfester und fragte: „Hatte jemand die Polizei gerufen ?“
Und sie antworteten: „Nein“ deuteten auf Selma und fragten „Ist das Emma ?“