Abgestempelt

Ich habe – mal wieder –
mit einem jungen Menschen zu tun,
der abgestempelt ist
als „psychisch krank“.
„Autist“ heißt das Urteil der Ärzte
und der Vater wird im Dorf
mit bedauerndem Blick angesprochen
„Sie haben es auch nicht leicht“.

Nennen wir den jungen Menschen „Ka“.

„Ka“ spricht nicht.
Er ißt so wenig, dass er kaum die Kraft hat,
ein Brett zu halten –
im Alter von 20 Jahren
und mit einer Körpergröße von gut 1,70.

„Ka“ ist immer mal bei mir oben
auf dem Aditi-Land.
Mit triefeder Nase
und immer kleinen Dingen in der Hand,
mit denen seine Finger unaufhörlich spielen
läuft er ums Haus, bleibt stehen, lauscht,
jauchzt oder murrt.

Manchmal gelingt es mir, ihn anzusprechen.
Manchmal sieht er mich mit seinen unendlich intensiven Augen
dirket und eindringlich an.
Manchmal kommt er jauchzend auf mich zu,
greift meine Hand, zieht mich in die „freudige Richtung“.

Bisher gelingt es kaum, „Ka´s “ Aufmerksamkeit an etwas zu binden.
Wenn der Hund ihn anspringt, schützt er sich nicht –
selbst wenn der Hund ihm die Kleider zerreisst
oder ihn zu Boden zieht, um ihn abzuschlecken.

Die meisten bedauern „Ka´s“ Ungeschützheit,
die Abhägigkeit, in der „Ka“ augenscheinlich ist,
wenn es um das Überlebensnotwendige geht.
In der Schule soll „Ka“ manchmal ausrasten.
Der Mutter wurde nahegelgt, „Ka“ Sedativa zu verabreichen.
Und gedroht, „Ka“ „rauszuschmeissen“, wenn er sich nicht fügt.
„Ka“ würde eine Gefahr für andere darstellen.

So wie ich „Ka“ erlebe, sehe ich niemals einen aktiven Angriff.
Wenn „Ka“ sich etwas in den Kopf gesetzt hat,
setzt „Ka“ alles daran es durchzusetzen.
„Ka“ lässt sich nicht steuern.

Autist ?

… in meinen Augen erst einmal ein Mensch,
der entschieden (!) hat,
nicht zu sprechen,
wenig zu essen und vor allem:
Nicht zu „funktionieren“.

Ein Mensch, dessen inneren Reichtum,
dessen Fähigkeit zu lauschen
ich wahrnehmen kann.
Ein Mensch, der andere in Ruhe läßt
– und meistens auch in Ruhe gelassen werden will.
Ein Mensch, der unvermittelt meinen Arm nimmt,
entschlossen und doch zart,
auf die Haut und die durchscheinenden Adern blickt
lange
und meinen Arm hält.

Was für ein Wahnsinn,
„Ka“ „krank“ zu nennen.
Was für eine Lüge, 
„Ka“ als Opfer zu behandeln.
Opfer sind nur die, die dressiert wurden,
die Norm zu erfüllen,
und völlig überfordert, mit der Freiheit
eines „Ka“ zu leben.

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Siehe auch: http://evelinrosenfeld.de/index.php?option=com_acymailing&ctrl=archive&task=view&mailid=122&key=spyABVvY&tmpl=component&lang=de