JUGENDWAHN?

Gestern traf ich einen alten Bekannten, Überzeugungs-Single, der sich seit Jahren über entsprechende Portale mit potenziellen Partnerinnen verabredet. Anders als bei vielen seiner allzu träge gewordenen oder glatzköpfigen oder bierbäuchigen Altersgenossen interessiert er sich eher für Frauen seines Alters. Und er beklagte sich über deren Bemühungen, jugendlich zu erscheinen, die Spuren des Alters mit aller Gewalt zu überpinseln, die Frustration, die hinter der welkenden Schönheit sei.
Ich nahm diese Schilderungen mit und betrachtete vor meinem inneren Auge die Alten und die Jungen, prüfte meine eigene Resonanz … und stellte fest, dass auch hier das „Innen wie Außen“ zählt, dass gelebtes Leben, Erfahrungsreichtum, die Weite der geistigen und emotionalen Tiefe das ist, was einen Menschen für mich anziehend macht oder nicht.
Und ohne Zweifel finden sich solche Menschen eher in den Altersgruppen über vierzig. Aber nicht immer.
Und wieder: Das Innere spiegelt sich im Äußeren, es ist nicht nur eine geistige sondern auch eine körperliche Attraktivität.
Ich dachte an die dicke, rosige Haut der Zwanziger und Dreißiger, unter der die Hormone brodeln, die oft etwas speckiges, unausgewogenes hat und verglich sie mit der wettergegerbten, dünneren und – im guten Falle – feineren Haut der Vierziger und drüber. Ich sah die prallen, von Innendruck gehaltenen Körper der Jüngeren neben den ausgeformten, sehnigen und eingesetzten Körper der Älteren. Ich sah die Augen… die einen meist flach, nach außen gerichtet, skeptisch – die anderen tief, eher nach innen gerichtet, warm ….
Diese Jahre und Jahrzehnte, die ein Mensch gelebt hat – geliebt, gelitten, Siege gefeiert, Niederlagen verwunden, gearbeitet, nachgedacht, begegnet, gelernt, sind so kostbar, schleifen den Diamanten, der erst ab einer gewissen Reife beginnt, für sich und für andere zu straheln.
Nein, also, ich bin auch keine Anhängerin des Jugendwahns…