Weihnachtsbrief 2015

Lieber Freund, liebe Freundin

Weihnachten – die geweihte Nacht, der Tag, an dem die Sonne sich aus maximaler Distanz der Erde wieder annähert und ihr lebensbringendens Licht zurück in unsere Tage schickt.

Weihnachten – in christlichen Landen auch der Moment der Besinnung an eine Nachricht, die von Mitgefühl und Erlösung kündet.

Dieser Brief geht an all die Menschen, denen ich in Schönheit und Zuwendung begegnen durfte.
Ich schreibe ihn am Sonnenwendtag in Thailand, eine knappe Woche nachdem das Dengue-Fieber meinen Körper wieder verlassen hat und mich durchgerüttelt, geklärt und voller Dankbarkeit zurück in dieses wundervolle Leben entlässt.
Momente, in denen die Selbstverständlichkeit des Am-Leben-Seins in Frage gestellt scheinen, sind so sehr kostbar, dass wir unsere Kraft nicht in Klagen verschwenden sondern einmal mehr entscheiden sollten, dieses einzigartige Geschenk in die bestmögliche Schönheit zu führen.

Es gibt keinen Grund, irgendetwas zu tun, das wir nicht mit Freude tun.
All die Ideen von Zwängen, Pflichten, Verteidigungen, Notwendigkeiten sind Produkte unserer Angst.
Und da, wo Angst ist, kann keine Liebe sein.

Es gibt keinen Grund, sich selbst oder andere zu entmutigen und zu verurteilen.
All die Ideen vom „Richtigen“ und „Guten“ sind wertlos, wenn sie Mißgefühl und Trennung erzeugen.
Laß dein Herz weit werden – dann kann die Liebe eintreten.

Und ein Herz, dass die Liebe eingelassen hat, ist in Fülle.
Plötzlich ist ganz klar, dass die Zufriedenheit und Freude, die wir all die Jahre gesucht haben, gar nicht dadurch zu erlangen sind, dass wir etwas schaffen, haben, bedeuten.
Sondern dass sie sich genau dann einstellt, wenn unser Herz überfließt vor Liebe, wenn wir so „voll“ mit Freude und Schönheit sind, dass wir die ganze Welt beschenken wollen. Und können !

Und da gibt es noch etwas, das unerklärlich und zugleich unleugbar ist, wirkt: Eine Kraft, die uns leitet, auch wenn wir in andere Richtung streben, ein Weg der vor uns verläuft, auch wenn wir uns abwenden, eine Vollkommenheit, die sich jeder Erklärung entzieht.
Diese Kraft hat mich vor genau 15 Jahren aus meinem bürgerlichen Leben herausgeschleudert, mir nicht nur Familie und Heimat sondern auch soziale Verankerung und bürgerliche Sicherheit genommen, meinen hoch dressierten Intellekt auf den Boden der Demut gebeugt. Und indem all dies geschah, wurde meine Kraft sichtbar und meine Möglichkeit offenbar, wie ich den Mitmenschen aus ganzem Herzen dienen kann. Und damit dem Leben.

Wie oft dachte ich, wie gering diese „Seelenarbeit“ ist, die ich seither geleistet habe, wie unbedeutend im Vergleich zu weltbewegenden, großen Taten. Doch meine Liebe zu den Menschen, die mir seither begegnet sind und die unter dem – manchmal unerbittlichen – Imperativ meiner Seele ganz großartige Veränderungen realisiert haben, verbietet mir, diese meine Arbeit geringzuschätzen.
Vielmehr steigen Tränen der Rührung auf, wenn ich sehe, zu welch lichtvollen Wesen diese Menschen geworden sind, wie wertvoll und schön das ist, was sie in die Welt bringen und weitergeben. Wie tapfer sie ihre alten Ansprüche überwunden, ihre eingebildete Wichtigkeit hinter sich gelassen haben und in ein aufrechtes, wahrhaftiges „JA“ zum Leben getreten sind.

Das alles erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit.

Jetzt stehen wieder fünf Menschen ante portas, die mich hier in meinem kleinen Dschungelleben besuchen kommen und bereit sind, all das verrückte Zeug, das uns unzufrieden und hart, herzlos und hohl macht, hinter sich zu lassen und ihre Seele zu entblößen.
Entblößen von Angst und Urteilen. Entblößen von Ansprüchen und Behauptungen über sich selbst. Zart werden lassen, die Berührbarkeit und Unwissenheit des heilen Menschen erlauben. Und damit werden sie zu Menschen, die in der Lage sind, Liebe zu sein.

Die blanke Seele eines Menschen ist das Schönste, was mir je begegnet ist.
Es ist das einzige im kleinen Menschenleben, das wirklich Kraft hat.  
 
Mit diesen Gedanken sende ich Dir, lieber Freund und Dir, liebe Freundin, meine herzlichen Segenswünsche zur Weihnacht.
Evelin​