DER MAUERSEGLER

Gestern war ich bei Freunden zu Besuch. Als wir gerade zum See gehen wollten, tat es einen Schlag und ein Mauersegler fiel auf die Terrasse, blieb auf dem Rücken liegen, zuckte noch etwas. Einer schrie hysterisch, die anderen kamen und blickten mit vorsichtiger Distanz auf das sterbende Wesen.
Ich ging hin, und half dem Vogel, sich umzudrehen. Sah, dass das Leben aus ihm herausging.
Einer fragte: „Sollen wir ihm das Leid ersparen?“ und meinte damit, ihn zu töten.
Ich nahm den schlaffen Vogel in die Hand, spürte, dass nur noch wenig von seiner Lebenskraft in ihm war, entfernte mich von den anderen und setze mich auf eine Bank hinter dem Haus.
Ich spürte das schwache Pulsieren des kleinen Vogelherzens – manchmal in weiter Ferne, manchmal wieder etwas näher. Der Körper war weich und unendlich zart. Die schwarzbraunen Federn schimmerten im Sonnenlicht, zwei drei Milben saßen um die geschlossenen Augen, eine kleine Spinne versteckte sich in der Halskrause.
Ich spürte, wie meine Herz in Verbindung ging mit der Seele dieses Vogels. Zwischen meiner Hand und seinem Körper bauten sich Wärme und Kraft auf. Es war großer Frieden zwischen uns und es blieb völlig offen, ob er sterben oder leben würde. Ich „wollte“ nicht unbedingt, dass er lebt. Vielmehr fühlte ich ihn. Und ich liess meine Lebensenergie in ihn fliessen. 
Und mehr und mehr kam seine Energie zurück zu mir.
Nach einer geraumen Zeit wurde das Pulsieren seines Körpers stärker und er öffnete die Augen.
Wußtest Du, dass Mauersegler blaue Augen haben ?
Dunkelblaugraue Augen, alt und weise, fragend, vertrauend blickten mich an. Er öffnete den Schnabel weit und begann stimmlos, mir etwas mitzuteilen.
Ich lauschte, versuchte zu begreifen, was er sagte. Er gab sich große Mühe mit der schwachen Kraft, die noch in seinem Körper war.
Einer brachte Wasser. Ich liess zwei, drei Tröpfchen in seinen Schnabel rinnen. Er reagierte nicht. „Sprach“ wieder.
Dann fiel er in sich zusammen, schmiegte sich tief in meine Hand. Reglos.
So saßen wir. Lange.
Frieden.
Nichtwissen, was wird.
Nähe.
Liebe.
Dann öffnete er wieder seine Augen, sah mich an. Ruhig.
Einer kam, und saß einige Minuten mit uns. Ging.
Die Sonne war gewandert, wurde immer wärmer und heller.
Ich richtete den Vogel zur Sonne hin.
Wie auch die Energie aus meinem Herzen, nahm er die Sonne auf.
Dann plötzlich schlug er mit den Flügeln, wollte von meiner Hand springen.
Ich liess ihn.
Hilflos flatterte er auf dem Boden, krallte sich an einen Mauersprung, und fiel dann wieder leblos zurück.
Wieder nahm ich den kleinen Mauersegler und ging mit ihm in den Schatten. Wieder schmiegte sich der schwache Körper an meine Hand, das Herz ging leise, der Atem schnell. Dann ebbte das Leben wieder ab, nur an winzigsten Bewegungen konnte ich das Leben an ihm noch erkennen, der Lebensfluß war kaum mehr wahrnehmbar.
So ging das über Stunden. Durch die Nacht.
Bis dann, am Morgen, der kleine schwarze Mauersegler, sich erhob und flog.

– Niemals, bitte niemals, erwäge, Leben zu beenden, ganz gleich, welche Konzepte dies zu rechtfertigen scheinen –