Die weise Frau

Geliebte Frau,
Du beäugst Dich skeptisch im Spiegel ?
Bist betrübt über die Ringe unter deinen Augen,
die wie die Jahresringe des Baumes
von den Welten künden, die Du bereist hast ?

Hast Du bemerkt,
dass Dir die Lust der Männer
nicht mehr schwallweise entgegen schlägt, kaum,
dass Du den Raum betrittst ?
Bekümmert Dich das ?
Oder erkennst Du, dass sie Dir aufmerksamer lauschen
denn je zuvor
und beantwortest Du ihren Durst
nach deiner Führung, nach deiner Klarheit ?

Kraftvoll und schön
ist dein weiblicher Körper
wie ehedem,
denn Du hast ein ehrliches und freudiges Leben geführt.
Nun willst Du ihn mit Giften aufblasen,
das Lichtspiel auf deiner Haut verheimlichen,
das von der Tiefe der empfangenen Einblicke kündet ?

In dem Moment,
in dem Du die Zeichen deines Weges
mit der Würde eines weisen Herzens trägst
und die Eitelkeit unbeschwerter Jugend,
die nichts hat ausser die Unberührtheit,
nicht mehr tauschen willst
gegen den Schatz deiner Reife,
in diesem Moment
bist Du würdig
Dich eine weise Frau zu nennen.